Archiv der Kategorie: Ökonomie

Auch wenn die agile Idee und somit der Ansatz der Selbstorganisation etwas ganz natürliches ist, so wird der Begriff insbesondere im ökonomischen Umfeld diskutiert. Die agile Idee kann nicht nur die Art wie wir arbeiten beeinflussen, sondern auch warum und wofür wir arbeiten und wie wir innerhalb unseres Wirtschaftszweigs zusammen arbeiten. Damit kann aus der Methode agil auch eine ökonomische Theorie agil werden.

Finanzmarkt: mit Agilität gegen Komplexität

In der aktuellen Ausgabe von agora 42 (Ausagbe 03/2014) ist ein Artikel von Dirk Elster mit dem Titel „Frisbee mit den Märkten“. Es geht dort um die Komplexität der Finanzmärkte und wie mit dieser umzugehen ist, genauer gesagt um die ebenfalls komplexen Regelwerke, die für diese Märkte erdacht wurden. Zentral wird in dem Artikel auf eine Rede von Andrew Haldane eingegangen, in der am Beispiel „Frisbee fangen“ sehr anschaulich beschrieben wird, wie unterschiedlich man mit Komplexität umgehen kann. Auf den einen Seite kann zwar jeder Hund eine Frisbee fangen, auf der anderen Seite ist die notwendige Berechnung zum optimalen Fangvorgang äußerst komplex, weil eine Vielzahl miteinander verwobener Faktoren berücksichtigt werden müssen. Dies gilt Andrew Haldane als Beleg dafür, dass man, wie der Hund vermeintlich vorführt, Komplexität auch mit Einfachheit begegnen kann. Das entsprechend in dem Artikel extra herausgestellten Zitat dazu lautet: „As you do not fight fire with fire, you do not fight complexity with complexity“.

Ich kann mich dieser Schlussfolgerung nicht anschließen. Erstens ist für mich das Frisbee-Beispiel in erster Linie ein Beleg dafür, dass wir unsere Welt auf ganz unterschiedliche Weise verstehen können. Die wissenschaftlich fundierte Weltsicht und -erklärung ist dabei nur eine von vielen möglichen. Der Hund führt uns mit seinem Instinkt eine andere vor. Zweitens lehrt uns die Kybernetik: „Only Variety can destroy Variety“. Varietät stellt dabei die Anzahl der möglichen Zustände eines Systems dar und ist damit ein Maß für die Komplexität des Systems. Will man ein komplexes System mit der Varietät x regulieren, dann braucht man dafür eine System mit mindestens der gleichen Varietät.

Soll dies nun bedeuten, dass wir ein maximal komplexes Regelwerk für die Kapitalmärkte brauchen? Nein! Denn Varietät muss nicht bedeuten, dass die Regeln möglichst viele Zustände des Systems beschreiben bzw. regulieren können. Varietät kann auch bedeuten, dass interdisziplinäre Teams dafür Sorgen, die kommenden Herausforderungen aus möglichst vielen Perspektiven zu bewerten und möglichst viele Lösungsansätze zu entwickeln. Dann sind auch keine Regelwerke mit >1.000 Seiten notwendig. Interdisziplinäre Teams laufen zudem weniger Gefahr im absoluten Expertentum aufzugehen und sich von der Realität zu entkoppeln. Es ist wohl auch viel verlangt, wenn extrem gut verdienende Bankenexperten im Zweifel das eigene Portmonee regulieren sollen.

Natürlich ist dies kein Aufruf Laien die Finanzmärkte regeln zu lassen. Aber es ist ein Aufruf im Zweifel z.B. auch die Kunden zu Fragen, was Sie von den Finanzmärkten erwarten. Wenn wir die selbst geschaffene Komplexität der Finanzmärkte wieder in den Griff kriegen wollen, dann brauchen wir dafür interdisziplinäre Lösungsansätze, die das System der Finanzmärkte Stück für Stück vereinfachen. Eben so wenig wie man z.B. eine Feature geladene App braucht, die niemand bedienen kann, brauchen wir auch keine Finanzprodukte, die niemand versteht. Gesucht sind also die UXler, die Frontendentwickler, die Marketing-Fachleute, die Backendentwickler, die Admins und die Grafikdesigner der Finanzwelt, die als selbstorganisiertes, interdisziplinäres Team mit 360° Blick das Produkt Finanzmarkt so entwickeln, dass die metaphorische Frisbee wieder gefangen werden kann. Ein agiler Ansatz zur Regulierung der Finanzmärkte: Fighting Complexity with Agility!

small is beautiful

E.F. Schumacher veröffentlichte Anfang der 1970er sein Werk ‘Small is Beautiful: (A Study of) Economics as if People Mattered’. Er beschreibt sehr anschaulich, dass Ressourcen und die Anpassungsfähigkeit der Erde begrenzt sind und deshalb auch ökonomisch als solche bewertet werden müssen. Nachhaltigkeit ist hier das Stichwort: small is beautifull anstatt bigger is better. Er formuliert folgende Anforderungen an Technologien, um eine für den Menschen gute und gleichzeitig nicht zerstörerische Wirtschaft zu entwickeln:

“We need methods which are

  • cheap enough so that they are accessible to virtually everyone;
  • suitable for small-scale applications; and
  • compatible with man’s need for creativity.”

Schumacher hat vor über 40 Jahren sicher noch nicht an das Internet und die sich damit ergebenden Möglichkeiten gedacht. Und doch ergeben sich hier aus meiner Sicht erhebliche Parallelen zu den Möglichkeiten, die das Internet uns heute bietet:

  • Der Zugang zu den Ressourcen und Tools sowie dem notwendigen Wissen ist schnell und günstig für quasi jeden möglich.
  • Der Erfolg von Startups und Entrepreneurship basiert vor allem auch auf der Möglichkeit, Dinge zunächst auf kleinem Niveau zu verproben.
  • Die neuen Technologien fordern und bieten unzählige Möglichkeiten die eigene Kreativität auszuleben.

Sind also die oben genannten Anforderungen von Schumacher eine Erklärung für die Innovationen und die disruptive Kraft des Internets? Vielleicht greift diese Erklärung zu kurz und lässt wichtige Aspekte außer Acht, aber sie besitzt durchaus Kraft durch ihre Einfachheit. Und sie bringt eine gewisse Verantwortung mit sich, die Chancen aus den neuen Technologien zu nutzen, um ein nachhaltigeres und menschfreundlicheres Wirtschafts- oder Arbeitssystem aufzubauen.