agiler Statusreport

Auf Paul Klee geht das Zitat zurück: „Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“ Ich muss gestehen, dass ich diese Zeile nicht kannte, als ich vor einiger Zeit – mal wieder – auf der Suche nach einer Möglichkeit war, den aktuellen Status des Produkts, das ich betreue, auf einen Blick sichtbar zu machen. Mir wurde – mal wieder – recht schnell klar, dass klassische Berater-Logik nicht funktioniert. Ein komplexes Produkt lässt sich nicht MECE (mutuale exclusive and collectively exhaustive) zerlegen; zumindest dann nicht, wenn man schnelle, operativ benutzbare Ergebnisse haben will. Es gibt auch nicht das eine Template, dass für jede Situation passt. Die Realität passt eben nicht auf einen standardisierten, vorstandstauglichen Einseiter.

Auf der Suche nach einem alternativen Ansatz bin ich auf die Idee gekommen, ein Bild zu malen. Wenn ich die Komplexität nicht in logische Strukturen gegossen bekommen (es wäre dann wohl auch keine Komplexität mehr!?), dann verzichte ich doch einfach auf diese Strukturen. Und wenn ich die Zusammenhänge ohnehin nicht übersichtlich und umfassend abbilden kann, dann kann ich auch gleich ganz darauf verzichten. Das Bild das ich gemalt habe war am Ende eine Landkarte des Produktes.

Projektreport_Karte

Eine solche Landkarte, unterliegt nicht der Notwendigkeit Themen nach Logik zu trennen. Einzelne Aspekte können mehrfach unter verschiedenen Namen auftauchen, die Namen und Bezeichnungen können doppeldeutig sein.  Auch ist es irrelevant, die Zusammenhänge abzubilden. Man kann bei Bedarf Themen durch geografische Nähe bewusst zusammenführen oder durch natürliche Grenzen Themenfelder trennen. Aber dies muss nicht sein. Diese künstlerische Freiheit ermöglicht es, einen wirklichen Überblick zu erarbeiten. Zudem kann man bei der Gestaltung nach Belieben (schwarzen) Humor walten zu lassen, was insbesondere dann hilft, wenn es dem Land mal gerade nicht so rosig geht. Und wie bei echten Karten ändert sich auch diese Produkt-Landkarte im Laufe der Zeit, was dann im Zeitraffer betrachtet schon viel über die Entwicklung des Produkts verrät.

Eine solche Karte kann als Grundlage für eine Wetterkarte dienen, die für den betrachteten Zeitraum aufzeigt, wie es um das Land / Produkt steht. Ein Statusreport besteht dann z.B. aus Sonne, Regen, Blitzen etc., die über die Karte verteilt werden. Ebenso lässt sich über eine farbige Legende der Status in die Karte einzeichnen. Die Aussage einer solchen Momentaufnahme ist nicht schlechter als ein „ordentlicher“ Statusreport im Berater konformen Template. Allerdings erfordert ein solche Darstellung eine gemeinsame Diskussion bzw. Interpretation und fördert damit die Kommunikation und Interaktion.

Auf den ersten Blick mag die Idee ein Geschäft durch ein Bild zu steuern befremdlich erscheinen, doch damit kann genau das erreicht werden, was Paul Klee über Kunst sagt. Nicht das Sichtbare über Temples und Reports wieder zu geben, sondern Dinge durch gemeinsame Interpretation und Kommunikation sichtbar machen. Gerade im agilen Kontext ist dieses sichtbar machen zwingend, damit selbstorganisierte, interdisziplinäre Teams den notwendigen Gesamtblick auf das Produkt erhalten. Außerdem ist Interaktion ja bekanntlich einer der wesentlichen agilen Werte. Und die hier vorgestellte Form des agilen Statusreport fördert ebene diese Interaktion in besonderem Maße.

Wir nutzen diese Form des agiles Statusreports wöchentlich im Team, um gemeinsam die vergangene Arbeitswoche Revue passieren zu lassen. Anders als in aufpolierten Statusberichten, in denen nur die Top-Prio-Themen auftauchen, verschwinden auf einer Produktkarte keine Themen. Man kann dadurch z.B. erkennen, worum man sich, vielleicht schon viel zu lange, nicht gekümmert hat. Die Diskussion macht aber z.B. auch in anstrengenderen Phase die Sachen sichtbar, die richtig gelaufen sind.

Darüber hinaus nutzen wir die Wetterkarte als Einstieg in unser Sprint Review Meeting. Hier kann mit dem und für das gesamten Team den Status des Produkts diskutieren. Dadurch können die unterschiedlichen Perspektiven, die ein interdisziplinäre Team auf sein Produkt hat, beleuchtet werden, so dass eine Art 360° Blick entsteht.

Ein Gedanke zu „agiler Statusreport

  1. Wir haben das in unserer neu gegründeten Firma von Anfang an eingeführt, nachdem ich das im Vorfeld vom Autor mitbekommen hab. Und es macht wirklich Spaß einmal die Woche mit einer neuen Perspektive auf die Erfolge zu blicken. Und auch „etwas verniedlicht“ kritische Themen wieder ins Bewusstsein zu ziehen. @Stefan, Danke, eine coole Idee! Hilft uns sehr und werden wir auch weiterhin machen…

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