KISS dank Komplexität

KISS – Keep It Simple and Stupid. Das ist ein häufig formulierter Anspruch an die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen. Das klingt sympathisch, einfach ist halt einfach. KISS ist ein wünschenswertes Gegengewicht zu der immer komplexer werdenden Welt. Komplexität ist so etwas wie das Gegenteil von Einfachheit, als Begriff aber nicht eindeutig definiert. In der Kybernetik kennt man z.B. Varietät als ein Maß für Komplexität, wobei Varietät die Anzahl möglicher, unterscheidbarer Zustände eines Systems beschreibt. Je mehr Zustände möglich sind, desto höher die Varietät bzw. Komplexität. Und nun kommt die schlechte Nachricht für alle KISS-Fans, die W. Ross Ashby als eines der Gesetze der Kybernetik formuliert hat:

Only Variety can destroy Variety.

Wir brauchen also Komplexität um selbige verringern zu können. Wenn wir also Produkte erschaffen wollen, die eine einfache Lösung auf ein komplexes Problem liefern sollen, dann müssen wir selber mindestens so komplex sein, wie das Problem, das wir für unseren Kunden lösen wollen. Wir müssen also eine komplexe Organisation aufbauen, um einfache Produkte zu entwickeln? Klingt irgendwie nicht gerade einladend, denn bei komplexer Organisation denken wir fast automatisch an Bürokratie, Overhead, Konzernstrukturen o.ä. Drücken wir es aber anhand der Varietät aus, klingt es gleich einladender: wir sollen eine Organisation aufbauen, die möglichst viele Zustände (Varietät) annehmen kann, d.h. eine Organisation, die das Problem aus allen Richtungen heraus verstehen und damit auch möglichst viele Lösungen entwickeln kann. Komplexität muss dabei nicht gleich große organisatorische Strukturen bedeuten. Ganz im Gegenteil gibt es aus meiner Erfahrung zwei sehr fruchtbare Möglichkeiten, Komplexität nicht im Sinne von Organisationswahnsinn, sondern im Sinne von Kreativität und Effizienz zu ermöglichen: (1) interdisziplinäre Teams mit (2) sich ergänzende Persönlichkeiten.

Interdisziplinäre Teams schaffen durch die Verbindung unterschiedlicher Sichtweisen, Problemlösungsstrategien und Wissensquellen eine deutlich höhere Varietät, als sie durch die permanente Selbstbestätigung der immer gleichen Sichtweisen, Lösungsansätze und heiligen Kühe isolierter Fachabteilungen je entstehen könnte. Aber dies ist nur der professionelle Aspekt eines Teams. Wichtiger noch sind die Menschen bzw. Persönlichkeiten. Wir sollten nicht nur verschiedene Professionen zusammenbringen, sondern auch Charaktere, die sich gegenseitig be- und verstärken. Wir brauchen eine Gruppe, in der es immer ein wenig brodelt, aber nicht ständig zu Explosionen kommt. Ein Team, das sich streiten und feiern kann, Ehrlichkeit verträgt und gemeinsam was bewegen kann, ist der eigentliche Schlüssel zum Erfolg. Interdisziplinäre Teams bringen in gewissen Grenzen an sich schon unterschiedliche Stereotypen von Menschen zusammen, wenn z.B. der Computer-Nerd auf den (Selbst-)Marketing-Guru trifft. Wollen wir daraus aber den maximalen Nutzen ziehen, sollten wir weniger auf die Zusammensetzung der fachlichen Expertisen und dafür mehr auf das Zusammenspiel der Charaktere achten. Dann schaffen wir Varietät bzw. Komplexität, die die Lösung komplexer Probleme ermöglicht, auch in einem kleinen, agilen Team. Wer also einfache Produkte nach dem KISS-Prinzip erschaffen will, der sollte vorher in die Komplexität seiner Teams investieren.

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