Lean Startup – eine Kritik

Nach meinem Vortrag auf der ‚manage agile‘ zum Thema Lean Startup im Unternehmen, möchte ich an dieser Stelle über zwei Kritikpunkte an Lean Startup schreiben, die auch in der Diskussionsrunde angesprochen wurden. An dieser Stelle nochmals vielen Dank an alle Zuhörer und die angeregten Diskussionen!

Eine zentrale Kritik muss an dem Wunsch nach Wissenschaftlichkeit ansetzen. Split Tests sind eine gute Möglichkeit bestimmte Fragen nicht selber, sondern vom Kunden klären zu lassen, keine Frage. Je umfangreicher aber die Fragestellung, desto schwieriger der dafür notwendige Test. Da Lean Startup nicht dafür da ist, verschiedene Layouts gegeneinander zu testen, sondern auf Ebene des Geschäftsmodells ansetzt, sind die zu klärenden Fragen per se schwierig bis komplex. Viele Fragestellungen werden sich kaum bis gar nicht testen lassen. Bzw. würde ein statistisch valider Test oft eine Größenordnung erreichen, der ein Lean Startup weder von der notwendigen Kundenbasis noch von der eigenen Ressourcenstärke her gewachsen sein dürfte.

Nun kann man entgegen, dass man ja nicht wissenschaftlich aber zumindest Fakten basiert, d.h. empirisch gestützt vorgehen kann. Die gesammelten Daten halten dann nicht unbedingt einer wissenschaftlichen Prüfung stand, aber zumindest liegen Daten vor und Entscheidungen müssen somit nicht aus dem Bauch getroffen werden. Jedoch vergrößert dies in gewissem Sinne die Problemstellung noch weiter. Denn so könnte jedes gesammelte Datum direkt als Beleg für oder wider eine Entscheidung eingesetzt werden. Dies kommt im schlimmsten Fall Willkür gleich, jedoch im Glauben die Wahrheit zu kennen und danach zu handeln. Auf der anderen Seite kann diese Sichtweise aber natürlich tatsächlich sehr hilfreich sein und muss auch ihre Berechtigung haben. Wenn man richtig einschätzt, dass die vorliegenden Daten keine wissenschaftliche Wahrheit sind, aber sehr wohl gedeutet werden können, dann können die daraufhin getroffenen Entscheidungen diskutiert und in den richtigen Kontext gesetzt werden. Die endgültige Wahrheit werden wir an vielen Stellen nie erfahren, deshalb dürfen wir aber nicht davor zurückschrecken uns an sinnvollen Daten zu orientieren.

Ein zweiter zentralen Kritikpunkt wird auch von Peter Thiel in dem Buch „Zero to One“ erwähnt. Er führt aus, dass für großen Entwicklungen eine große, klare Vision nötig ist. Man solle deshalb ein „minimum viable product“ (MVP) vergessen, da die Konzentration auf die kleinen Schritte die Entstehung von etwas Großem verhindert. Dem muss ich aus eigener Erfahrung zumindest teilweise zustimmen. Das schnelle Lernen und Ausprobieren kann tatsächlich davon Ablenken, eine größere Vision zu entwickeln. Problematisch wird dies natürlich erst dann, wenn die Startup Phase abgeschlossen ist und man das Produkt skalieren will. Fehlt dann die Vision, so wird das Produkt und damit auch das Geschäft vermutlich in sehr kleinem Rahmen bleiben.

Auf der anderen Seite muss aber gesagt werden, dass Lean Startup als Konzept nicht die Phase der Produktvision fokussiert, sondern die schlanke Verprobung einer bereits vorhandene Produktidee am Markt. Für jemanden, der Lean Startup einsetzen will, bedeutet dies also, dass parallel zum Lean Startup immer auch an der Vision gearbeitet werden muss. Jedes Geschäft braucht eine langfristige Perspektive, wenn es dem Gründer nicht nur Arbeit sondern auch Ertrag bringen soll. Ein MVP ist dabei eine sehr auf den Punkt gebrachte Entwicklung eines Proto- oder Basistypen. Und dies kann sicherlich auch dann helfen, wenn man eine größere Vision vor Augen hat.

Heißt dies also, das man besser die Hände von Lean Startup lassen sollte? Nein. Wenn die Organisation bzw. das Team ausreichend Erfahrung mit agilem Arbeiten und Lernen hat und wenn die zu klärende Fragestellung in den Kontext von Lean Startup passt, dann spricht nichts gegen dieses Konzept. Allerdings sollte man die Schwachstellen kennen und entsprechend berücksichtigen. Dann kann man auch mit kleinen Schritten zu etwas Großem kommen, ohne sich dabei die Wahrheit hinzubiegen, wie es einem gerade gefällt.

Ein Gedanke zu „Lean Startup – eine Kritik

  1. Vielen Dank für die anregenden Ausführungen. Lean Startup wird zu oft im Bereich Softwareentwicklung gesehen, wo es sich doch um eine „Methode“ handelt, Prozesse mit vorhandenen Ressourcen einfacher besser zu gestalten.

    Was für Toyota vor einigen Jahrzehnten zutraf, damals war der Bereich Automotive definitiv nicht das Kerngeschäft von Toyota, mehr ein „Side-line“ Startup lässt sich grundsätzlich für Prozesse jeder Art umsetzen.

    Startups sind hierbei selbstverständlich nicht ausgenommen. Bedingt durch ehrlicherweise gutes Marketing und schnelle Iteration, wie sie im Silicon Valley möglich ist, ist Lean Startup als Brand etabliert.

    Doch bildet es das gesamte Ökosystem der Startups ab? Wieviele Entrepreneure sind schon beim schieren Hören von „Lean“ gedanklich schon weit weg, weil sie (wie sie meinen) doch mit Autos und Toyota nichts zu tun haben? Oder ihr Unternehmen bereits erfolgreich führen?

    Die „unangenehmen“ Fragen stellen oder auch Kritik bringt am Ende nicht nur den interessierten Leser sondern das Feld als Ganzes weiter.

    Danke nochmals für die obigen Ausführungen!

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