Scrum ist auch nur ein Produkt

Scrum hat als leichtgewichtiges Framework für IT-Projekte eine Erfolgsgeschichte geschrieben, die mittlerweile deutlich über die Software-Branche hinaus geht. Dabei basiert der Ansatz im wesentlichen auf den Prinzipien des agilen Manifest. Dessen erster Leitsatz ist für mich dabei der zentralste:

  • Wir schätzen und Individuen und Interaktionen mehr als Prozesse und Werkzeuge.

Wenn man diesen Leitsatz ernst nimmt, dann schließt dies einen fest vorgegebenen prozessualen Rahmen für agiles Arbeiten aus. Statt sich auf Prozesse und Werkzeuge zu konzentrieren, sollte man auf die Individuen eingehen, die als Team zusammenarbeiten. Besucht man Konferenzen oder Workshops, stellt man aber schnell fest, wie sehr sich die agile Community über Tools und Prozesse unterhält. Es wird über Rollen diskutiert, es wird nach den Top 10 Ratschlägen für einzelne Artefakte und Routinen gesucht, aufgrund der Größe kaum noch druckbare Modelle sollen zeigen, wie man agil skalieren kann. Nur irgendwie fragt niemand nach den Menschen, um die es ja eigentlich gehen soll…

Das Aufwändige an der agilen Idee ist, dass sie zum selbständigen Denken und Handeln zwingt.

  • Das perfekte Board, das jeden Fluss und alle Probleme visualisiert
  • das eine Schema für die Retro, das in jeder Situation funktioniert
  • die 10 Grundregeln für Führung im agilen Kontext

Alles das gibt es nicht! Und deshalb ist es gefährlich Produkte wie Scrum mit Agilität zu verweKaufmannsladenchseln. Ja, Scrum ist ein Produkt! Scrum verkauft Zertifikate. Scrum will über Prozesse sprechen und Tools vermitteln, um Bücher und Beraterstunden an dem Mann zu bringen.

Bitte nicht falsch verstehen, ich halte Scrum für einen guten Ansatz. Aber wir dürfen nicht den Fehler machen, aus einem Produkt eine Art Religion zu machen. Seminare, Zertifikate und Weiterbildungsangebote sind sinnvoll, solange es um Hilfe zur Selbsthilfe geht. Zu schnell tappen wir aber in die Falle, uns an vorgegebene Fahrpläne zur agilen Transformation, an Prozess-Charts und Best Practices zu klammern. Dies ist natürlich auch entsprechend einfacher und verlockend. Aber solange gilt „Individuen und Interaktionen über Prozesse und Tools“, solange müssen wir uns mehr um die Menschen und die Zusammenarbeit in unserem Unternehmen kümmern, als um vorgegebene Prozesse und Tools.

Man baut agile Organisationen auf, um mit Hilfe von Selbstorganisation die wachsende Komplexität in den Griff zu bekommen. Wer sich selbst organisieren soll, der braucht dafür aber Freiheitsgrade und keine vorgefertigten Produkte. Bis zu einem gewissen Grad ist dieser Freiheitsgrad sogar in das Produkt Scrum selbst eingebaut. So soll sich z.B. der Scrum Master im Laufe der Zeit überflüssig machen. Dort, wo für jedes Team „Agile Coaches“ in Festanstellung gesucht werden, liegt somit der Verdacht nahe, dass die agile Idee nicht wirklich ernst genommen oder verstanden wird. Selbstverständlich ist es sinnvoll, erfahrene Scrum Master o.ä. im Unternehmen zu haben, wenn man eine agile Organisation aufbauen oder werden will. Aber weder ist es sinnvoll einfach alle alten Projektmanagement-Planstellen in agile umzuwandeln, noch ist es sinnvoll, Scrum oder andere Methoden / Produkte aus Prinzip einzufordern. Vielmehr muss es darum gehen, die individuellen Bedarfe der eigenen Organisation zu erkennen und zu bedienen.

Scrum ist nicht nur ein tolles Framework, es ist auch ein sehr erfolgreiches und durchdachtes Produkt. Bitte verwechselt es nicht mit Agilität. Um es mit den Worten von Dave Thomas zu sagen: Agile Is Dead (Long Live Agility)!.

Bild: Kaufmannsladen von Anja Leidel auf flickr, Verwendung unter cc Lizenz

Kommentar verfassen