Das agile Manifest und die Aufklärung

1024px-FlammarionMeine wichtigste Lektion im Studium habe ich an einer Ampel gelernt. Genauer gesagt an einer ausgefallenen Ampelanlage an einer großen Kreuzung, die ich als Fußgänger überqueren wollte. Der Verkehr wurde von einem Straßenpolizisten geregelt, den ich erwartungsvoll in der Hoffnung auf ein Signal anstarrte, endlich die Straße überqueren zu dürfen. Es kam auch ein Signal, allerdings in etwas anderer Form als erwartet. Der Polizist schaute kurz zu mir rüber, sagte: „Selbständiges Denken ist hier erforderlich!“ und widmete sich wieder den Autos. Ich war also auf mich alleine gestellt. Ich durfte mich nicht weiter unmündig auf die Autorität von außen verlassen, ich musste meinen Verstand befreien und eigene Verantwortung übernehmen. Eine schwierige Aufgabe, aber ich es habe über die Kreuzung geschafft!

Ich gehe stark davon aus, dass besagter Verkehrspolizist überzeugter Anhänger der Aufklärung war. Wäre Emanuel Immanuel Kant Verkehrspolizist gewesen, dann hätte er im 18. Jahrhundert folgendes zu mir gesagt:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“

Man kann dies auf so triviale Beispiele wie eine ausgefallene Ampelanlage beziehen, aber natürlich handelt es sich hierbei um eine grundsätzliche Einstellung zum Leben. Oben genanntes Beispiel schafft aber Bewusstsein dafür, dass wir nicht so aufgeklärt sind, wie wir es gerne wären. Was nehmen wir nicht alles hin, ohne uns eine eigene Meinung zu bilden. Wie bequem ist es doch, ein Leben in Unmündigkeit zu verbringen. Wenn wir z.B. eine BWL-Grundlagenvorlesung besuchen und man uns erzählt, dass es in der BWL um Zielerreichung nach dem Minimal- oder Maximal-Prinzip geht, wir dabei aber das Ziel an sich nicht bewerten, dann verführt das geradezu zum nicht selbständig denken. Es ist ja auch viel einfacher Ziele quasi als Befehl anzunehmen, ohne diese zu hinterfragen. Heerscharen junger Menschen werden so bereits vor Beginn der Karriere zur Unmündigkeit erzogen.

Selbständiges Denken ist hier erforderlich. Das sollten wir uns an den Bildschirm kleben. Und direkt daneben dann am besten noch das agile Manifest, das aus meiner Sicht aufklärerisch interpretiert werden will. Dieses Manifest kann man in verkürzter, verallgemeinerter Form mit folgenden Gleichungen beschreiben:

  • Individuen und Interaktion > Prozesse und Werkzeuge
  • Zusammenarbeit (mit dem Kunden) > Verträge
  • Reagieren auf Veränderung > Befolgen eines Plans

Natürlich brauchen wir Prozesse, natürlich sind Verträge als Basis oft notwendig und natürlich müssen wir davon ausgehen dürfen, das ein gemeinsam entworfener Plan nach Möglichkeit befolgt wird. Wäre all dies nie erfüllt, müssten wir unendliche Energien allein in die Verwaltung unseres Alltags stecken. Aber wir sollten die linke Seite der Gleichungen mehr schätzen. Im Zweifel ist die direkte Interaktion wichtiger als auf die aufgeschriebenen Regeln zu setzen. Und wir sollten nicht nur auf Prozesse und Werkzeuge setzen, die wir in BWL I gelernt haben. Wir sollten auf die Menschen achten mit und für die wir arbeiten. Damit das gelingt, müssen wir aber im ersten Schritt selbständig denken.

Natürlich ist dies eine aufklärerische Überinterpretation des agilen Manifest, das eindeutig auf die Organisation von Software-Projekten fokussiert. Ob gewollt oder nicht, das agile Manifest wurde so formuliert, dass man es in einem deutlich größeren Kontext interpretieren kann. Vom agilen Softwareprojektmanagement über agiles Arbeiten im Grundsatz bis hin zum aufgeklärten, agilen Unternehmen. Warum also nicht das agile Manifest in den BWL-Kanon aufnehmen? Wenn wir uns ernsthaft mit den Anforderungen der Zukunft und mit neuen Arbeitswelten beschäftigen wollen, dann kann dies auf jeden Fall nicht schaden. Es wird Zeit, dass wir zu aufgeklärten Arbeitern werden. Das agile Manifest ist dafür quasi eine Blaupause.

Bild: von Anonym, via Wikimedia Commons

Kommentar verfassen