Die Theorie der Praxis

Ich bin sonst ja eher für Rockmusik und Konzerte in kleinen Clubs zu haben, aber seit einiger Zeit gehe ich auch regelmäßig ins Ballett. Es mag an meiner eigenen (kaum vorhandenen) Körperbeherrschung liegen, dass ich die Leistung der Tänzer(innen) als fast übernatürlich empfinde. Zwar muss man sich klar machen, dass die Vorführung für die Tänzer auch nur ein Job ist. Aber ich kann einfach nicht glauben, dass man diese Art der Körperbeherrschung und des Ausdrucks auf der Bühne erlangen kann, wenn man einfach nur einen Job macht, um damit Geld zu verdienen.

Hilfreich ist dabei die Auseinandersetzung mit dem Begriff der Praxis, wie Alasdair MacIntyre ihn in „Der Verlust der Tugend“ definiert:

„Mit „Praxis“ meine ich jede kohärente und komplexe Form sozial begründeter, kooperativer menschlicher Tätigkeit, durch die dieser Form von Tätigkeit inhärente Güter im Verlauf des Versuchs verwirklicht werden, jene Maßstäbe der Vortrefflichkeit zu erreichen, die dieser Form von Tätigkeit angemessen und zum Teil durch sie definiert sind, mit dem Ergebnis, dass menschliche Kräfte zur Erlangung der Vortrefflichkeit und menschlichen Vorstellung der involvierten Vorstellung der involvierten Ziele und Güter systematisch erweitert werden.“

Auf zwei Aspekte dieser Definition möchte ich an dieser Stelle etwas genauer eingehen: inhärente Güter und Vortrefflichkeit. Inhärente Güter sind Güter, die durch Ausübung der Praxis erlangt werden können und die einen inneren Wert haben. Es geht also nicht um das Geld, dass man mit einer Praxis verdienen kann, was einem äußerem Gut entsprechen würde. Äußere Güter sind nicht an eine Praxis gebunden, sondern können über viele Arten beschafft werden. Inhärenten Güter hingegen sind direkt mit einer Praxis verbunden. Inhärente Güte einer Praxis sind die damit verbundenen Werte, die uns dazu motivieren uns dieser Praxis zu widmen und dort Vortrefflichkeit zu erreichen. Die Tänzer tanzen nicht nur für Geld, sondern weil das Tanzen ihnen etwas gibt, was eben nur das Tanzen kann. Ohne diese Motivation über die inhärenten Güter, bringt es kein Tänzer zu der notwendigen Vortrefflichkeit für die Bühne.

Was in einer Praxis als Vortrefflichkeit definiert wird, hängt dabei von der Gemeinschaft ab, die sich der Praxis widmet. Praxis bedeutet in dieser Form also auch immer sich mit den gültigen Vorstellungen der Praxis zu befassen. Deshalb spricht MacIntyre auch von einer sozial begründeten Tätigkeit, denn Praxis existiert nur dort, wo sich mehrere Leute mit ihr befassen und gemeinsame Wertmaßstäbe teilen. Dabei sind diese Wertmaßstäbe in der Zeit veränderbar. Was Vortrefflichkeit im Ballett ist, ändert sich über die Zeit. Wir können die Praxis also aktiv gestalten und verändern, müssen uns dafür aber mit der Geschichte und den aktuellen Begebenheiten auseinander setzen.

Die oben genannte Definition von Praxis beschreibt für mich sehr passend das, was ich beim Ballett sehen kann und was mich daran so fasziniert. Anfangs war ich dabei immer etwas neidisch auf diese Tänzer, die genau das gefunden haben und leben, was sie lieben. Zum Glück aber muss man sich kein Tutu anziehen, um das gleiche erleben zu können. Wenn wir unsere Aufgaben gemeinsam nicht nur als Job sondern als Praxis begreifen und leben, dann haben wir die Chance inhärente Güter zu erlangen, die uns helfen, Vortrefflichkeit zu erreichen.

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