Sartre goes agile – Teil I: erst das Team, dann das Organigramm

Der Existentialismus bietet einige sehr spannende Ansätze, die sich auf die Idee agiler Organisationen übertragen lassen. Deshalb möchte ich in einer kleinen Serie an Blog-Posts einige dieser Ideen diskutieren. Dabei geht es nicht um eine tiefe Auseinandersetzung mit der Philosophie des Existenzialismus sondern sehr bewusst um die freie Interpretation einzelner Aussagen im Kontext des agilen Arbeiten. Ich werde mich dabei insbesondere auf Aussagen von Sartre beziehen.

Im diesem ersten Teil der Serie ‚Sartre goes agile‘ wollen wir eine der zentralen Kernaussagen des Existentialismus beleuchten: die Existenz geht der Essenz (bzw. dem Wesen) voraus. Sartre selbst schreibt dazu in seiner Klarstellung zum Existenzialismus:

In philosophischen Begriffen gesprochen, hat jeder Gegenstand ein Wesen und eine Existenz. Ein Wesen, das heißt eine konstante Gesamtheit von Eigenschaften; eine Existenz, das heißt eine gewisse effektive Anwesenheit in der Welt. (…) Mit einem Wort, der Mensch muß sich sein eigenes Wesen schaffen;“ 

Übertragen wir diese Idee nun auf ein agiles Team, z.B. ein SCRUM Team. Fei nach Sartre schafft dieses Team seine Eigenschaften, sein Wesen selbst – abgesehen davon, dass jedes Teammitglied sein eigenes Wesen in des Team einbringt. Es gibt also keine Eigenschaften, die dieses Team vor seiner Gründung bzw. vor dem ersten Sprint hat. Erst durch das gemeinsame Handeln der Menschen, die sich in diesem Team zusammenschließen, entsteht das Wesen des Teams. Wir kennen dies in agilen Methoden z.B. dort, wo wir i.R. der Retrospektiv-Ergebnisse eigene Team-Regeln aufstellen. Diese Regeln existieren nicht losgelöst von dem Team, sondern befassen sich mit den konkreten Bedürfnissen, die sich aus dem Schaffen des Teams ergeben. Die Idee des Existenzialismus lässt sich hier aber noch deutlich tiefer interpretieren. Nämlich dergestalt, dass auch die Rolle des Teams innerhalb der Organisation erst mit dem Team und seinen Ergebnissen und Aktivitäten entsteht. Dies ist damit ein Gegenentwurf zu dem klassischen Ansatz, bei dem Teams, Aufgaben und Rollen durch ein Organigramm bzw. das Management a priori definiert werden.

In der Praxis brauchen wir natürlich einen gewissen Rahmen, in den ein Team eingebettet ist. Wir brauchen zumindest eine Vision, aus der wir unseren Backlog füllen und priorisieren können. Wenn dies gegeben ist, dann können wir mit einer Organisation, die die Existenz vor die Essenz stellt, die volle Kraft unserer Teams nutzen. Denn dann können sich die Teams so aufstellen und definieren, dass sie das Beste aus ihrer spezifischen Konstellation an Persönlichkeiten und Fähigkeiten heraus holen. 

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