Scrum ohne commitment? Ohne mich!

Bis 2011 war in dem Scrum Guide noch die Rede vom commit(ment) bzgl. der Sprint-Ziele, heute ist die Rede von forecast. Ist dies nur ein Austausch von Wörtern oder eine Änderung in der dahinter liegenden Philosophie? Um dieser Fragestellung auf den Grund zu gehen, wollen wir uns im zweiten Teil der Serie Sarte goes agile mit dem Begriff Verantwortung beschäftigen. Sartre schreibt zum Thema Verantwortung in ‚Der Existentialismus ist ein Humanismus‘:

Wenn jedoch die Existenz wirklich dem Wesen vorausgeht, ist der Mensch für das, was er ist, verantwortlich.“

Wenn es keinen vorgegebenen Rahmen für den Mensch gibt, sondern sich der Mensch allein durch seine Handlungen definiert, dann sind wir auch verantwortlich für das, was wir tun. Wir sind frei, weil wir uns für unser Handeln entscheiden, weil wir immer die Wahl haben. Damit tragen wir aber auch die volle Verantwortung. Diese Verantwortung haben wir laut Sartre aber nicht nur für uns selbst:

So bin ich für mich selbst und für alle verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes Bild vom Menschen, den ich wähle; mich wählend wähle ich den Menschen.“

Wir sind also nicht nur für uns selbst, sondern für alle verantwortlich. Diese allgemeine Verantwortung resultiert aus dem Gedanken, dass wir frei handeln und nur das wählen (können), was wir als gut einstufen. In diesem Sinne wählen wir dann mit allem was wir tun gleichzeitig auch das Menschen-Bild, das wir befürworten.

Zurück zum Scrum Guide: mit commitment ist eine sehr hohe Verantwortung verbunden, zu Deutsch eine Verpflichtung, die Ziele zu erreichen – also die volle Verantwortung für das Handeln innerhalb des Sprints. Der Begriff forecast ist diesbezüglich deutlich schwächer. Dies ist insofern in Linie mit Sartre, als dass ein Scrum Team nicht die volle Freiheit hat. Es existiert innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Je freier dieser Rahmen gestaltet ist, desto mehr Verantwortung kann dem Team auch übertragen werden. Ein Team aber, das durch Organigramm, Rollenverteilung und vorgegebene Ziele definiert ist, kann kaum noch zur Verantwortung gezogen werden. Je agiler jedoch eine Organisation aufgestellt ist, desto mehr Freiheit und damit auch Verantwortung ergibt sich für den Einzelnen. In der extremsten Form hat jedes Team-Mitglied die Verantwortung für die gesamte Organisation, muss im Gegenzug aber auch in voller Freiheit agieren dürfen. So gibt es bereits Organisationen, die alle hierarchischen Strukturen auflösen und es jedem selbst überlassen, sich Aufgaben und Projekte zu suchen. Aber dies ist sicherlich (noch) eine Ausnahme.

Die oben beschriebene Anpassung des Scrum Guides kann man also als Abkehr einer idealistischen Sicht der agilen Idee betrachten: weg von grundlegender Agilität hin zur agilen Methode in der betrieblichen Realität. Ich für meinen Teil hätte gern das commit zurück, damit ich im Gegenzug auch meine Freiheit einfordern kann. Das eine geht nicht ohne das andere.

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