Der Product Owner als Prediger

Manchmal gibt es diese Momente, in denen man die Welt nicht mehr versteht. Die Fakten liegen auf dem Tisch, die Vor- und Nachteile auf der Hand und trotzdem wird eine Entscheidung getroffen, die all dies scheinbar unberücksichtigt lässt. Gerade für agile Teams, die ein hohes Maß an Gestaltungswillen und Eigeninitiative aufweisen sollten, sind solche Momente kritisch. All zu schnell kann hier eine Situation entstehen, bei der sich das Team vom Unternehmen bzw. den Entscheidungsträgern entfernt. Die eigentliche Kraft des Teams geht verloren. Was können wir dagegen tun? Meine These dazu: Das P in PO steht für Prediger.

Ein mögliche Erklärung für scheinbar nicht nachvollziehbare Entscheidungen gegen alle Fakten liefert die klassische Analyse des Wissens. Sie besagt, dass drei Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Individuum (I) Wissen über P erlangen kann:

  1. P muss wahr sein
  2. I muss an P glauben
  3. I muss Gründe haben an P zu glauben

Stellen wir uns vor, wir sitzen bei „Wer wird Millionär“ und haben es mit der 500.000-€-Frage zu tun. Wenn wir die Antwort wissen, dann können wir sie beruhigt einchecken lassen. Aber wann können wir sicher sein, die Antwort zu wissen? Gemäß der oben aufgeführten Bedingungen, sollten wir an unsere Antwort glauben (2). Wir müssen also von unserer Antwort überzeugt sein, plattes raten wäre dafür also keine Option. Zusätzlich sollten wir noch unterstützende Gründe (3) haben, an unsere Antwort zu glauben. Gründe, die wir nach außen erklären können, z.B. also, dass wir etwas über das abgefragte Thema gelesen haben. Damit hätten wir die Bedingungen (2)+(3) erfüllt, fehlt also nur noch die erste Bedingung (1). Und diese zeigt an dem Beispiel auch gleich das ganze Dilemma vor dem wir stehen. Denn ob unsere Antwort wirklich stimmt bzw. wahr ist, dass weiß am Ende nur Günther Jauch. Vielleicht haben wir ja leider den Artikel, den wir gelesen haben, falsch verstanden. Wir glauben dann an unsere Antwort, haben auch Gründe daran zu glauben, nur bleibt unsere Antwort dabei leider falsch.

In der Realität sind wir ständig mit tlw. sehr komplexen Fragen konfrontiert. Leider gibt es dabei keinen Günther Jauch, der die richtigen Antworten kennt. Es gibt keinen Spielführer, der uns heimlich Tipps gibt, und keine eindeutige Definition für die richtige Antwort. Deshalb versuchen wir Data Driven zu arbeiten, um die Wahrheit quasi zu messen. Aber ab einem bestimmten Grad an Komplexität helfen uns allein Daten nicht weiter. Wir müssen diese analysieren und Ableitungen treffen und haben auch dann keine Gewissheit über die Richtigkeit der gewonnenen Erkenntnisse. Und dann kommt der Glauben (2) ins Spiel, weil er die Bedingung ist, die wohl fast immer erfüllt werden kann. Die Gründe für den eigenen Glauben (3) sind schnell gefunden, im Zweifel im reichen Erfahrungsschatz, den jeder mit sich rum schleppt. Und wenn hart gemessene Daten, z.B. die Ergebnisse eines A/B-Tests, mal nicht so recht zum eigenen Glauben passen, dann sind diese eben falsch. Wer kann schon garantieren, dass es keinen Fehler in der Testanlage gab? Deshalb gewinnen in der Realität häufig die persönlichen „Glaubenssätze“ über die vermeintlich objektiven Daten.

Dieser Blick auf Wissen und damit auch auf die persönliche Wahrheit und die Grundlage für Entscheidungen zeigt, wie subjektiv wir alle agieren (müssen). Die klassische Analyse des Wissens weckt Verständnis dafür, wie Entscheidungen zustande kommen. Vor allem auch deshalb, weil es hier nicht um ein isoliertes Problem von Entscheidungsträgern geht, sondern weil wir alle vor der gleichen Herausforderung stehen. Darüber hinaus bekommen wir mit der klassischen Analyse des Wissens aber auch ein Mittel an die Hand, Wahrheit und Entscheidungen im Unternehmen zu beeinflussen. Nicht die reine Weitergabe von Fakten und Daten sind relevant, sondern den Entscheidungsträger an etwas glauben zu lassen. Ein Product Owner hat somit auch die Rolle eines Predigers, wenn er das Team und Produkt gut im Unternehmen platzieren will.

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