Kriterien für agile Arbeiter: Sartre statt Zertifikate

Woran können wir erkennen, ob jemand in ein agiles Umfeld passt? Gerade dann, wenn wir auch außerhalb der IT-Abteilung agil arbeiten wollen, treffen wir sehr schnell auf einen Personenkreis, für den Scrum noch immer ein Fremdwort ist. Müssen wir uns bei der Personalauswahl also auf die wenigen beschränken, die agile Erfahrung haben oder zumindest wissen, was agil bedeutet? Und bedeutet ein Scrum-Zertifikat wirklich auch, dass jemand ein guter agiler Arbeiter ist? Meine These dazu lautet: Sartre statt Zertifikate.

Sartre ist einer der bekanntesten Vertreter des Existentialismus dessen Kernaspekte sich gut auf eine agile Kultur anwenden lassen. Der Existentialismus geht davon aus, dass der Mensch „sich sein Wesen selbst schafft“. „Der Existentialismus (…) hält daran fest, dass beim Menschen (…) die Existenz dem Wesen vorausgeht.“ Der Mensch ist also zunächst da, d.h. hat eine “effektive Anwesenheit in der Welt“ und schafft dann sein Wesen, d.h. „die Gesamtheit von Eigenschaften“ selbst. Der Mensch hat immer eine Wahl sich zu entscheiden. Am deutlichsten wird dies, wenn Sartre von der Hoffnungslosigkeit spricht. Hoffnungslosigkeit ist hier in dem Sinne zu verstehen, dass man nicht auf eine Änderung von außen, oben oder sonst wem zu hoffen braucht. „Es ist wahr, dass der Mensch unrecht hätte zu hoffen. Aber was heißt das anderes, als dass die Hoffnung das Schlimmste Hemmnis für das Handeln ist?“ Die einzige Hoffnung liegt im eigenen Handeln.

Aus dieser Freiheit ergibt sich aber gleichzeitig auch Verantwortung. Es gibt keine Ausreden, es gibt nur die eigenen Entscheidungen. „Wählen, dies oder das zu sein, heißt gleichzeitig, den Wert dessen, was wir wählen, zu bejahen (…).“ Diese Verantwortung gilt dabei nicht nur für einen selbst, sondern für alle: „.. selbst wenn wir es nicht wollen, schaffen wir durch jede unsere Taten eine allgemeine Werteskala.“ Und damit tragen wir eben auch mit jeder unserer Taten die Verantwortung für die gesamte Menschheit.

Diese Grundzüge des Existentialismus sind sehr passfähig zu den Anforderungen an agile Arbeiter. Agile Arbeiter müssen der Überzeugung sein, dass sie selbst aktiv einen Beitrag leisten können. Wir brauchen nicht die, die einfach nur Tickets abarbeiten wollen. Wir brauchen die  Hoffnungslosen, die den Anspruch haben, die Tickets aktiv mit zu gestalten. Wir brauchen die, die verstehen, dass sie einen Teil der Gesamtverantwortung für den Projekterfolg und das Team tragen. Gerade auch bei Scrum wird dies deutlich, denn die Erreichung des Sprint-Ziels hängt zwar auch vom Leistungsbeitrag jedes Einzelnen ab, ist aber gleichzeitig eine Teamleistung. Ebenso muss sich jedes Team-Mitglied bewusst sein, dass z.B. die rein körperliche Anwesenheit beim Daily Standup (‚meine Themen sind ja komplett isoliert‘) nicht nur inhaltlich fahrlässig ist, sondern diese Einstellung auch Auswirkung auf die Zusammenarbeit des Team an sich hat. Ein Scrum Team ist im Optimalfall wie das Team Justice League aufgestellt, eine Sammlung von Superhelden, die ihre Spezialkräfte im Sinne des Team einzusetzen wissen.

justice league

Aber wie finden jetzt heraus, ob wir einen solchen agilen Superhelden vor uns haben? Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine dezidierte Meinung zum Existentialismus vorweisen und artikulieren kann, ist sicher eher noch geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein Scrum Zertifikat mitbringt. Aber zum Glück müssen wir auch nicht über Sartre diskutieren. Wir müssen über Verantwortungsbereitschaft reden. Wir müssen herausfinden, ob unser Gegenüber im positiven Sinne hoffnungslos ist. Die reine Methodik von Scrum lässt sich vergleichsweise leicht erlernen bzw. vermitteln, was ja gerade auch einer der Vorteile von Scrum ist. Die notwendige Einstellung zur Arbeit im Team, zur Verantwortung und dem eigenen Gestaltungswillen hingegen lässt sich nur äußerst schwer beeinflussen. Sollte ich jemals vor der Entscheidung stehen, bei sonst gleicher Datenlage, mich entweder für einen Existentialisten oder für einen Scrum-zertifizierten Kandidaten entscheiden zu müssen, würde ich mich für den Existentialisten entscheiden.

Bild von CarolMedina auf flickr, Verwendung unter cc Lizenz

Zitate aus „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ von Jean-Paul Sartre

 

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