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Jean-Paul Sartre ist ein französischer Philosoph und einer der Hauptvertreter des Existentialismus.

Kriterien für agile Arbeiter: Sartre statt Zertifikate

Woran können wir erkennen, ob jemand in ein agiles Umfeld passt? Gerade dann, wenn wir auch außerhalb der IT-Abteilung agil arbeiten wollen, treffen wir sehr schnell auf einen Personenkreis, für den Scrum noch immer ein Fremdwort ist. Müssen wir uns bei der Personalauswahl also auf die wenigen beschränken, die agile Erfahrung haben oder zumindest wissen, was agil bedeutet? Und bedeutet ein Scrum-Zertifikat wirklich auch, dass jemand ein guter agiler Arbeiter ist? Meine These dazu lautet: Sartre statt Zertifikate.

Sartre ist einer der bekanntesten Vertreter des Existentialismus dessen Kernaspekte sich gut auf eine agile Kultur anwenden lassen. Der Existentialismus geht davon aus, dass der Mensch „sich sein Wesen selbst schafft“. „Der Existentialismus (…) hält daran fest, dass beim Menschen (…) die Existenz dem Wesen vorausgeht.“ Der Mensch ist also zunächst da, d.h. hat eine “effektive Anwesenheit in der Welt“ und schafft dann sein Wesen, d.h. „die Gesamtheit von Eigenschaften“ selbst. Der Mensch hat immer eine Wahl sich zu entscheiden. Am deutlichsten wird dies, wenn Sartre von der Hoffnungslosigkeit spricht. Hoffnungslosigkeit ist hier in dem Sinne zu verstehen, dass man nicht auf eine Änderung von außen, oben oder sonst wem zu hoffen braucht. „Es ist wahr, dass der Mensch unrecht hätte zu hoffen. Aber was heißt das anderes, als dass die Hoffnung das Schlimmste Hemmnis für das Handeln ist?“ Die einzige Hoffnung liegt im eigenen Handeln.

Aus dieser Freiheit ergibt sich aber gleichzeitig auch Verantwortung. Es gibt keine Ausreden, es gibt nur die eigenen Entscheidungen. „Wählen, dies oder das zu sein, heißt gleichzeitig, den Wert dessen, was wir wählen, zu bejahen (…).“ Diese Verantwortung gilt dabei nicht nur für einen selbst, sondern für alle: „.. selbst wenn wir es nicht wollen, schaffen wir durch jede unsere Taten eine allgemeine Werteskala.“ Und damit tragen wir eben auch mit jeder unserer Taten die Verantwortung für die gesamte Menschheit.

Diese Grundzüge des Existentialismus sind sehr passfähig zu den Anforderungen an agile Arbeiter. Agile Arbeiter müssen der Überzeugung sein, dass sie selbst aktiv einen Beitrag leisten können. Wir brauchen nicht die, die einfach nur Tickets abarbeiten wollen. Wir brauchen die  Hoffnungslosen, die den Anspruch haben, die Tickets aktiv mit zu gestalten. Wir brauchen die, die verstehen, dass sie einen Teil der Gesamtverantwortung für den Projekterfolg und das Team tragen. Gerade auch bei Scrum wird dies deutlich, denn die Erreichung des Sprint-Ziels hängt zwar auch vom Leistungsbeitrag jedes Einzelnen ab, ist aber gleichzeitig eine Teamleistung. Ebenso muss sich jedes Team-Mitglied bewusst sein, dass z.B. die rein körperliche Anwesenheit beim Daily Standup (‚meine Themen sind ja komplett isoliert‘) nicht nur inhaltlich fahrlässig ist, sondern diese Einstellung auch Auswirkung auf die Zusammenarbeit des Team an sich hat. Ein Scrum Team ist im Optimalfall wie das Team Justice League aufgestellt, eine Sammlung von Superhelden, die ihre Spezialkräfte im Sinne des Team einzusetzen wissen.

justice league

Aber wie finden jetzt heraus, ob wir einen solchen agilen Superhelden vor uns haben? Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand eine dezidierte Meinung zum Existentialismus vorweisen und artikulieren kann, ist sicher eher noch geringer als die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein Scrum Zertifikat mitbringt. Aber zum Glück müssen wir auch nicht über Sartre diskutieren. Wir müssen über Verantwortungsbereitschaft reden. Wir müssen herausfinden, ob unser Gegenüber im positiven Sinne hoffnungslos ist. Die reine Methodik von Scrum lässt sich vergleichsweise leicht erlernen bzw. vermitteln, was ja gerade auch einer der Vorteile von Scrum ist. Die notwendige Einstellung zur Arbeit im Team, zur Verantwortung und dem eigenen Gestaltungswillen hingegen lässt sich nur äußerst schwer beeinflussen. Sollte ich jemals vor der Entscheidung stehen, bei sonst gleicher Datenlage, mich entweder für einen Existentialisten oder für einen Scrum-zertifizierten Kandidaten entscheiden zu müssen, würde ich mich für den Existentialisten entscheiden.

Bild von CarolMedina auf flickr, Verwendung unter cc Lizenz

Zitate aus „Der Existentialismus ist ein Humanismus“ von Jean-Paul Sartre

 

Scrum Day 2014: Denkanstöße zur agilen Idee

Die Konferenz Scrum Day 2014 findet dieses Jahr am 01./02.07. in Böblingen statt und der Besuch lohnt sich. Denn am 02.07. werde ich dort zum Thema „Denkanstöße zur agilen Idee“ sprechen 😉 Aber natürlich lohnt sich der Besuch vor allem auch wegen all der anderen tollen Vorträge, der ausgezeichneten Keynote Speaker und der Workshops. Die Agenda könnt Ihr hier einsehen: http://www.scrum-day.de/agenda.html.

Hier exklusiv für Euch ein kleiner Ausblick auf meinen Vortrag, der drei Thesen beleuchten wird, die einen philosophischen Hintergrund dabei aber hohe praktische Relevanz für das agile Arbeiten haben:

  • Wir brauchen Leute, die willens und fähig sind in einem agilen Umfeld zu arbeiten. Wie können wir aber frühzeitig feststellen, ob jemand diese Bedingungen erfüllt? Meine These dazu: Sartre statt Zertifikate. Ich werde darstellen, dass die Auseinandersetzung mit dem Existentialismus dabei helfen kann die Einstellungen und Meinungen zu hinterfragen, die maßgeblich die Eignung zum agilen Arbeiter beeinflussen.
  • Ein gut funktionierendes agiles Team arbeitet selbstorganisiert, nicht aber isoliert, sondern sinnvoll eingebettet in die Organisation. Meine These dazu: Das P in PO steht für Prediger! Die klassische Analyse des Wissens kann nicht nur helfen die Entstehung fragwürdiger Entscheidungen der Organisation zu verstehen, sie zeigt auch, an welcher Stelle man ansetzen muss, um Entscheidungen im Sinne des Teams zu forcieren.
  • Ein agiles Team ist besser als keins, noch mehr Potenzial bietet aber eine agile Organisation. Meine These dazu: wir brauchen keine agilen Methoden, wir brauchen eine agile Praxis. Ich werde darstellen, was Praxis (angelehnt an Alasdair MacIntyre) an dieser Stelle meint und welche Anforderungen sich daraus an unsere Arbeit und unser Selbstverständnis als agile Arbeiter ergeben.

Wer also über den Tellerrand hinausblicken will, dabei aber trotzdem einen klaren Bezug zu Scrum und agilem Vorgehen sucht, der sollte auf jeden Fall zu meinem Vortrag kommen. Ich freue mich auf zwei spannende Tage, viele Kontakte und angeregte Diskussionen! Wir sehen uns auf dem Scrum Day 2014!

Die hoffnungslos agile Organisation

Hoffnungslosigkeit ist im Allgemeinen kein sonderlich positiv belegter Begriff. Zu Unrecht, wie Sartre  in „Zum Existentialismus – Eine Klarstellung“ ausführt:

„Was die Hoffnungslosigkeit angeht, so muss man das folgendermaßen verstehen: Es ist wahr, dass der Mensch unrecht hätte zu hoffen. Aber was heißt das anderes, als dass die Hoffnung das Schlimmste Hemmnis für das Handeln ist? Darf man hoffen, dass der Krieg ganz allein und ohne uns zu Ende geht […]. Wenn wir all das hoffen, brauchen wir nur die Hände in den Schoß zu legen.“

Wer sein Leben selbst in die Hand nimmt, der braucht nicht darauf zu hoffen, dass etwas von alleine passiert – so etwa könnte die positive Übersetzung von Hoffnungslosigkeit lauten. In der betrieblichen Realität ist die allgemeine Sichtweise leider häufig weniger existentialistisch geprägt. Nicht, dass z.B. das Management als Bote der guten Hoffnung angesehen würde, aber doch zeigt sich allzu häufig eine Hand-in-den-Schoß Einstellung gegenüber jenem Management. Dann heißt es leicht süffisant: die machen das schon. Damit hat man für sich die Berechtigung geschaffen, über alles zu meckern, aber nichts verändern zu müssen. Eigentlich ein ganz schrecklicher Zustand, denn man wartet auf eine wunderbare Veränderung von außen bzw. von oben, hat dabei aber keine wirkliche Hoffnung auf eben diese Veränderung. So wird Arbeit bzw. die Organisation in der man arbeitet zur Qual, genauer gesagt zur selbst gewählten Qual.

Wenn wir uns von dieser (falschen) „Hoffnung“ lösen und begreifen, dass wir selber aktiv werden müssen, dann kann sich eine positive, gestalterische Einstellung entwickeln. Entweder man fängt selbst an etwas zu ändern, oder es passiert eben nichts. Schuld daran, dass nichts passiert oder besser wird, ist man dann entsprechend selbst. Natürlich setzt diese Sichtweise voraus, dass auch die notwendige Freiheit zum eigenen Handeln gewährt wird. Hier zeigt sich das ganze Dilemma klassischer, hierarchischer Organisationen: die Basis wartet auf die Veränderung, die sie eigentlich nur selber bewirken kann, die Führung lässt gleichfalls keine Veränderung zu, denn die Basis zeigt nur Missmut – ein Teufelskreis.

Der Ausweg kann eine agile Organisation sein, bei der Freiheit auf Mut zur Tat trifft. Wenn wir eine solche Organisation wollen, dann brauchen wir dafür die Hoffnungslosen. Wir brauchen die, die nicht abwarten, sondern die etwas verändern wollen. Die, die bereit sind Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen. Nur wenn sich Leute mit dieser Einstellung zusammen finden, kann eine agile Organisation funktionieren. Verantwortung zu teilen kann nämlich auch dazu führen, dass sich keiner mehr verantwortlich fühlt. Dann wird agil zu einer Ausrede für `jeder macht was er will`. Wenn aber Verantwortung nicht verschwindet, sondern dort hingeleitet und auch angenommen wird, wo sie sinnvoll ausgeführt werden kann, dann entsteht ein echter Vorteil. Dies kann nur dann gelingen, wenn jeder, wie von Sartre dargelegt, im Sinne aller handelt. Es geht darum, Verantwortung nicht nur weiter zu reichen, d.h. Freiheit zu gewähren, sondern auch darauf zu achten, dass sie angenommen wird, d.h. auf Mut zur Tat trifft. Hinter einer agilen Organisation liegt also im Kern eine existentialistische Einstellung der Einzelnen gegenüber der Organisation selbst. Wer eine agile Organisation aufbauen oder entwickeln will, der sollte mit seiner Mannschaft (und mit sich selbst) lieber über Freiheit, Verantwortung und Hoffnungslosigkeit diskutieren, als sich mit Zertifikaten für Projektmethoden zu befassen.

Scrum ohne commitment? Ohne mich!

Bis 2011 war in dem Scrum Guide noch die Rede vom commit(ment) bzgl. der Sprint-Ziele, heute ist die Rede von forecast. Ist dies nur ein Austausch von Wörtern oder eine Änderung in der dahinter liegenden Philosophie? Um dieser Fragestellung auf den Grund zu gehen, wollen wir uns im zweiten Teil der Serie Sarte goes agile mit dem Begriff Verantwortung beschäftigen. Sartre schreibt zum Thema Verantwortung in ‚Der Existentialismus ist ein Humanismus‘:

Wenn jedoch die Existenz wirklich dem Wesen vorausgeht, ist der Mensch für das, was er ist, verantwortlich.“

Wenn es keinen vorgegebenen Rahmen für den Mensch gibt, sondern sich der Mensch allein durch seine Handlungen definiert, dann sind wir auch verantwortlich für das, was wir tun. Wir sind frei, weil wir uns für unser Handeln entscheiden, weil wir immer die Wahl haben. Damit tragen wir aber auch die volle Verantwortung. Diese Verantwortung haben wir laut Sartre aber nicht nur für uns selbst:

So bin ich für mich selbst und für alle verantwortlich, und ich schaffe ein bestimmtes Bild vom Menschen, den ich wähle; mich wählend wähle ich den Menschen.“

Wir sind also nicht nur für uns selbst, sondern für alle verantwortlich. Diese allgemeine Verantwortung resultiert aus dem Gedanken, dass wir frei handeln und nur das wählen (können), was wir als gut einstufen. In diesem Sinne wählen wir dann mit allem was wir tun gleichzeitig auch das Menschen-Bild, das wir befürworten.

Zurück zum Scrum Guide: mit commitment ist eine sehr hohe Verantwortung verbunden, zu Deutsch eine Verpflichtung, die Ziele zu erreichen – also die volle Verantwortung für das Handeln innerhalb des Sprints. Der Begriff forecast ist diesbezüglich deutlich schwächer. Dies ist insofern in Linie mit Sartre, als dass ein Scrum Team nicht die volle Freiheit hat. Es existiert innerhalb eines vorgegebenen Rahmens. Je freier dieser Rahmen gestaltet ist, desto mehr Verantwortung kann dem Team auch übertragen werden. Ein Team aber, das durch Organigramm, Rollenverteilung und vorgegebene Ziele definiert ist, kann kaum noch zur Verantwortung gezogen werden. Je agiler jedoch eine Organisation aufgestellt ist, desto mehr Freiheit und damit auch Verantwortung ergibt sich für den Einzelnen. In der extremsten Form hat jedes Team-Mitglied die Verantwortung für die gesamte Organisation, muss im Gegenzug aber auch in voller Freiheit agieren dürfen. So gibt es bereits Organisationen, die alle hierarchischen Strukturen auflösen und es jedem selbst überlassen, sich Aufgaben und Projekte zu suchen. Aber dies ist sicherlich (noch) eine Ausnahme.

Die oben beschriebene Anpassung des Scrum Guides kann man also als Abkehr einer idealistischen Sicht der agilen Idee betrachten: weg von grundlegender Agilität hin zur agilen Methode in der betrieblichen Realität. Ich für meinen Teil hätte gern das commit zurück, damit ich im Gegenzug auch meine Freiheit einfordern kann. Das eine geht nicht ohne das andere.

Sartre goes agile – Teil I: erst das Team, dann das Organigramm

Der Existentialismus bietet einige sehr spannende Ansätze, die sich auf die Idee agiler Organisationen übertragen lassen. Deshalb möchte ich in einer kleinen Serie an Blog-Posts einige dieser Ideen diskutieren. Dabei geht es nicht um eine tiefe Auseinandersetzung mit der Philosophie des Existenzialismus sondern sehr bewusst um die freie Interpretation einzelner Aussagen im Kontext des agilen Arbeiten. Ich werde mich dabei insbesondere auf Aussagen von Sartre beziehen.

Im diesem ersten Teil der Serie ‚Sartre goes agile‘ wollen wir eine der zentralen Kernaussagen des Existentialismus beleuchten: die Existenz geht der Essenz (bzw. dem Wesen) voraus. Sartre selbst schreibt dazu in seiner Klarstellung zum Existenzialismus:

In philosophischen Begriffen gesprochen, hat jeder Gegenstand ein Wesen und eine Existenz. Ein Wesen, das heißt eine konstante Gesamtheit von Eigenschaften; eine Existenz, das heißt eine gewisse effektive Anwesenheit in der Welt. (…) Mit einem Wort, der Mensch muß sich sein eigenes Wesen schaffen;“ 

Übertragen wir diese Idee nun auf ein agiles Team, z.B. ein SCRUM Team. Fei nach Sartre schafft dieses Team seine Eigenschaften, sein Wesen selbst – abgesehen davon, dass jedes Teammitglied sein eigenes Wesen in des Team einbringt. Es gibt also keine Eigenschaften, die dieses Team vor seiner Gründung bzw. vor dem ersten Sprint hat. Erst durch das gemeinsame Handeln der Menschen, die sich in diesem Team zusammenschließen, entsteht das Wesen des Teams. Wir kennen dies in agilen Methoden z.B. dort, wo wir i.R. der Retrospektiv-Ergebnisse eigene Team-Regeln aufstellen. Diese Regeln existieren nicht losgelöst von dem Team, sondern befassen sich mit den konkreten Bedürfnissen, die sich aus dem Schaffen des Teams ergeben. Die Idee des Existenzialismus lässt sich hier aber noch deutlich tiefer interpretieren. Nämlich dergestalt, dass auch die Rolle des Teams innerhalb der Organisation erst mit dem Team und seinen Ergebnissen und Aktivitäten entsteht. Dies ist damit ein Gegenentwurf zu dem klassischen Ansatz, bei dem Teams, Aufgaben und Rollen durch ein Organigramm bzw. das Management a priori definiert werden.

In der Praxis brauchen wir natürlich einen gewissen Rahmen, in den ein Team eingebettet ist. Wir brauchen zumindest eine Vision, aus der wir unseren Backlog füllen und priorisieren können. Wenn dies gegeben ist, dann können wir mit einer Organisation, die die Existenz vor die Essenz stellt, die volle Kraft unserer Teams nutzen. Denn dann können sich die Teams so aufstellen und definieren, dass sie das Beste aus ihrer spezifischen Konstellation an Persönlichkeiten und Fähigkeiten heraus holen.