agile descaling statt scaling agile

Die Vorteile und Erfolge agiler Organisation werden häufig direkt verstanden und akzeptiert, wenn man sie anhand klassischer agiler Teams (ca. 7 Personen) diskutiert.  Zwangsläufig werden aber Zweifel laut, dass dies in diesem kleinen Kontext ja ganz toll funktionieren mag, sich aber nicht darüber hinaus anwenden lässt. Scaling agile ist hier das viel diskutierte Schlagwort. Für mich ergeben sich daraus zwei Erkenntnisse: zum einen scheint es für viele „normal“ zu sein agil zu handeln, solange der Rahmen klein genug erscheint. Zum anderen scheint es aber eine Grenze zu geben, ab der man groß und damit anders denken und handeln muss.

Der erste Punkt lässt sich leicht erklären, denn agiles Vorgehen ist ja an sich nichts neues oder etwas, dass wir im Grundsatz erlernen müssten. Selbstorganisation ist ein Kernprinzip der Natur und des Menschen. Dafür brauchen wir keine agilen Methoden und Konzepte und auch keine besonderen Begriffe. Die Agilität liegt uns so zu sagen im Blut. Man schaues sich z.B. eine Horde Kinder an, die in kürzester Zeit eine umfassende Spielwelt erschafft. Dies passiert ohne Projektplan, geregelte Retrospektiven oder Anleitung. Es sei denn, die Großen mischen sich zu sehr ein 😉

Warum aber können wir uns dies nicht als natürliches Prinzip für eine ganze Organisation vorstellen? Wir verfallen direkt in die alt hergebrachte industrielle Logik und denken in Abteilungen, Hierarchie, Entscheidungs- und Eskalationsstufen. Wir suchen für scaling agile eine Lösung in Form eines denifinierten Prozess und klaren Strukturen und übersetzen somit den agilen Gedanken in die „alte“ Welt bzw. versuchen agil innerhalb der bestehenden Systeme zu denken. Und genau hier liegt das Problem. Wir verlernen scheinbar im Berufsleben unsere natürliche Begabung zum agilen, d.h. selbst organisierten Vorgehen. Dabei sind wir so erfolgreich, dass es uns gar nicht mehr in den Sinn kommt, überhaupt aus dieser Richtung über Dinge nach zu denken.

Was wäre also, wenn wir auf die Frage nach scaling agile mit der Gegenhypothese agile descaling antworten würden? Statt agile Gedanken in unsere bestehenden Welt zu transformieren, sollten wir mit dem agilen Gedanken unser Welt transformieren. Dort wo heute agile Systeme in Organisationen implementiert werden, könnte im Gegenentwurf versucht werden, einen evolutionären Ansatz zu wählen, bei dem sich die Organisation freiwillig von innen heraus verändert. Agile descaling könnte in diesem Sinne also bedeuten, dass die Transformation an sich agil, d.h. selbstorganisiert stattfindet. Wie die Organisation, die Rollen und Verantwortlichkeiten dann aussehen, weiß man dabei natürlich erst am Ende bzw. immer nur im aktuellen Moment der Betrachtung. Aber darf man überhaupt von einer agilen Organisation sprechen, wenn die Strukturen und Prozesse im Grundsatz vorgegeben wird, wie es bei vielen Transformationsprojekten ja der Fall ist? Das klingt doch irgendwie eher nach Wasserfall als nach agil, oder?

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