Das agile Manifest und Remote Work

Das agile Manifest ist in seinen Prinzipien eindeutig und bevorzugt direkte Interaktion: “die beste Methode zur Übergabe von Informationen ist im Gespräch von Angesicht zu Angesicht”. Nun befinden wir uns aber mit dem Corona-Virus in einer Situation, in der wir das agile Manifest aktuell remote leben müssen. Über die Chancen, die sich aus Remote Work für Agilität ergeben, möchte ich hier berichten.

Retrospektiven

Das agile Manifest lädt dazu ein, regelmäßig zu reflektieren und das Verhalten anzupassen. Wenn auf einen Schlag alle vom Büro ins Homeoffice wechseln müssen, dann ist dies eine erzwungene Einladung, das aktuelle Verhalten zu reflektieren und an die neue Situation anzupassen.  Diese Einladung sollten wir annehmen.

Teams sollten jetzt ihre Rituale, Boards und auch die Backlogs hinterfragen. Die direkte Übertragung der alten Arbeitsweise in die Remote Work Phase führt vermutlich nicht zu den besten Ergebnissen. Allein schon der veränderte Einsatz sinnvoller Technologie, bietet eine Menge Möglichkeiten, Dinge anders zu tun. Anders muss natürlich nicht immer besser sein, aber besser ist bekanntlich auf jeden Fall immer anders.

Technologie

Nicht zuletzt durch den Siegeszug von Cloud basierten Technologien hat Remote Work in den letzten Jahren erhebliche Fortschritte gemacht. Videokonferenzen sind auch mit vielen Teilnehmern gut und einfach umzusetzen. Es haben sich diverse Tools etabliert und miteinander verbunden, die Kommunikation, Organisation und auch Dokumentation in verteilten Kontexten ermöglichen. Und mittlerweile gibt es auch gute Tools, die das Gefühl einer großen weißen Wand, sehr gut in die digitale Welt übertragen. Diese digitalen Wände lasse sich dann mit virtuellen Post-Its in ein kreatives Team-Erlebnis verwandeln. Der große Vorteil dieser Technologien ist, dass die Informationen mit dem Meeting nicht verschwinden. Vieles wird direkt dokumentiert, so dass Informationen auch noch nachträglich und für einen breiten Kreis verfügbar werden.

Hier eine bewusst unsortierte Liste mit Tools, deren Einsatz sich für mich und in der Arbeit mit unterschiedlichen Teams bewährt hat: Trello, Mural, Office365, Slack, G-Suite, Miro, Confluence, Jira. Die Liste ist sicher beliebig erweiterbar. Dabei ist weder die Konzentration auf nur eines dieser Tools bzw. Pakete, noch die Mischung aller der beste Weg. Es geht um die sinnvolle Kombination einer ausgewählten Menge an Tools, die sich gegenseitig ergänzen. Allerdings erfordern die neuen Technologien auch eine außergewöhnliche Menge an Disziplin.

Disziplin

Disziplin ist einer der unterschätztesten Werte agiler Arbeit. In Zeiten von Homeoffice und Remote Work gewinnt Disziplin dabei weiter an Bedeutung und zwar in verschiedensten Aspekten.

Nachhaltige Entwicklung

Das agile Manifest fordert eine nachhaltige Entwicklung, d.h. ein Tempo, das dauerhaft gehalten werden kann. Im Homeoffice muss jeder auf sich selbst achten. Pausen, Bewegung und das Ende des Arbeitstages, auch wenn dies physisch lediglich das Zuklappen des Laptops bedeutet, müssen aktiv gesteuert werden. Die Vorteile der möglichen zeitlichen Entkopplung und die Nutzung digitaler Tools, führt zu einer permanente Flut an Informationen. Dies kann das Gefühl bestärken, ständig arbeiten zu müssen. 

Remote Teams müssen lernen, gegenseitig auf sich zu achten. Sie müssen Regeln finden, wie die einzelnen Lebenssituationen so aufeinander abgepasst werden können, dass das Team auf unbestimmte Zeit produktiv bleibt. Remote Arbeit bedeutet auch, die sozialen Aspekte der Zusammenarbeit viel bewusster zu fokussieren. Die klassischen Kaffee-Küchen-Gespräche finden remote nicht mehr ungeplant statt. Dafür müssen Räume geschaffen werden. 

Selbstorganisation

Das agile Manifest sagt sinngemäß, dass die besten Ergebnisse durch selbstorganisierte Teams entstehen. Remote Work setzt viel mehr Selbstorganisation voraus, als Arbeit im gleichen Office. Dies betrifft nicht nur die eben bereits diskutierten Aspekte für die nachhaltige Entwicklung. Dies betrifft vor allem auch die inhaltliche Zusammenarbeit und Abstimmung, die wohl organisiert werden will. Bei skalierten Organisationen kann die Führung auf Distanz zu mehr Freiräumen und damit zu mehr Selbstorganisation führen. Mit diesem Mehr an Freiheit geht dann aber auch ein mehr an Verantwortung einher.

Meeting Rules

Remote Meetings sind anstrengend, sowohl körperlich auch auch geistig. Es bedarf der disziplinierten Umsetzung von Regeln für diese Meeting. Einige erprobte Meeting Rules sind:

  • Jedes Meeting hat einen Moderator.
  • Aktiviert parallel einen Chat und nutzt ihn, um Euch zu melden.
  • Wer nicht redet, der deaktiviert sein Mikro.
  • Macht eher kürzere Meetings oder sorgt für regelmäßige Pausen.
  • Nutzt Tools zur (kreativen) Dokumentation, so dass trotz strikter Rednerreihenfolge, Ideen aufeinander aufgebaut werden können.

Einfachheit

Das agile Manifest sagt, dass Einfachheit essentiell ist. Damit ist die Kunst gemeint, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren. Lass alles weg, bis nur noch das wirklich Notwendige übrig bleibt. Die aktuell kurzfristig veränderten Bedingungen können diese Tugend befeuern. Wenn Remote Work als Arbeitswirklichkeit noch nicht so richtig eingeschleift ist, dann ist mehr Fokussierung auf die wirklich wichtigen Dinge geboten. Auch die oben genannten Aspekte, d.h. die Notwendigkeit für mehr Disziplin und das Hinterfragen der eigenen Prozesse, kann zu mehr Einfachheit führen. Es kann ein Mehrwert sein, wenn man Ideen nicht mehr mit Händen, Füßen und sonstigem Material erklären kann, sondern auf Stimme und maximal einen Screen angewiesen ist. Einfachheit ist nicht nur ein Mehrwert für Agilität, sondern auch für Produktmanagement.

Die aktuelle Situation biete also auch Chancen, die man nutzen sollte. Und wenn es wieder zurück ins Büro geht, dann ergeben sich diese Chancen erneut – nur nicht unter der Überschrift Remote Work!

Bild: remote work von Marco Verch (trendingtopics) auf flickr, Verwendung unter cc Lizenz

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